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Der kleine Enrico ist fassungslos: »Den kann man jetzt nicht mehr ankleben?!?« Die maßlose Enttäuschung beim Anblick des Baumstumpfes, der noch wenige Tage zuvor das schönste Spielgerät des Unterentersbacher Kindergartens auf sich trug, treibt den Kindern die Tränen in die Augen. Das großräumige und natürlich gewachsene Baumhaus mit lange herunterhängenden Ästen, ein Rückzugsort zum Abenteuer spielen, ist plötzlich weg. Wer hat diesen schönen Baum umgesägt? Wieso? Wut macht sich breit im Bauch.
Und nicht nur bei den Kindern. Was war das – Ignoranz gepaart mit Hinterlist? Mal schnell Tatsachen schaffen, bevor man sich bei allzu viel Öffentlichkeit genötigt sieht, noch einmal über Alternativen nachzudenken und Kompromisse zu suchen? Augen zu und durch, die Aufregung wird sich schon legen.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Die Planer haben Tatsachen geschaffen. Baum ab in einer schnellen Samstagsaktion, wenn die Kinder nicht da sind und weinend fragen, ob das wirklich sein muss. War wohl der Weg des geringsten Widerstandes. Gewiss, wäre er mehr am Rande gestanden, hätte man ihn wohl erhalten, er war ja kerngesund. Und ja, man hat sich die Entscheidung bestimmt nicht leicht gemacht. Und es kommt ja auch wieder Ersatzbepflanzung hin. Er war halt im Wege, um das bisschen Spielplatz optimal neu zu gestalten.
Den Baum, dieses geliebte Unikat in die Neugestaltung zu integrieren und ihn als Rückzugsort und natürliches Spielgerät für die Kinder zu erhalten – wäre das so kompliziert gewesen? Soweit hat die Phantasie der Entscheider offenbar nicht gereicht. Und wer waren diese überhaupt? Vielleicht der einflusslose Ortschaftsrat – oder gar der ferne Stadtrat? Sicher aber nicht der ungefragte Elternbeirat, und sicher nicht die ungefragten Kinder oder deren Eltern. Wieso wurden die Erzieherinnen mit ihrer Erfahrung nicht in die Entscheidung mit eingebunden? Wurde überhaupt jemand von den Betroffenen gefragt oder war es am Ende nur noch Chefsache, aus Angst vor einem »Entersbacher Forst«?
Das kann nicht die vielgepriesene Bürgernähe sein, die schwierige aber erstrebenswerte Basisdemokratie in unserem Ortsteil! Das hat nichts mit der neuen Transparenz in den Entscheidungsgremien zu tun, die in Wahlzeiten so werbewirksam zur Schau getragen wird. Bürgerbeteiligung und Vertrauen in die Urteilskraft der Menschen vor Ort sieht anders aus. Aber Kinder vergessen ja schnell. Bis sie zu mündigen Wählern reifen, ist der Seelenschmerz über den verlorenen Freund wieder abgeklungen.
Die Enttäuschung über das menschliche Versagen wird sich nur langsam legen, vielleicht wenn in ein paar Jahren die neuen – dann ortsüblichen – Bäume nachgewachsen sind und wieder den lange vermissten natürlichen Schatten spenden. Im Moment ist da nur eine tiefe Betroffenheit und eine ohnmächtige Traurigkeit über dieses gedankenlose, gefühllose, phantasielose, unumkehrbare Geschehen.
Tröste Dich, Enrico – es war ja nur ein Baum.
Opa Klaus Rauber,
Zell-Unterentersbach