Wissen Sie noch, was gemeint ist?
Der Weihnachtsmann sprach diese Worte zur Begrüßung oder gar der Nikolaus. Nicht der rote, sondern ein Bischof mit der Mütze und dem weißen Gewand und dem Bischofsstab. Der kam früher an unsere Haustür und klopfte an. Er schellte nicht, denn die elektrischen Schellen gab es noch nicht. Wir Kinder liefen nach draußen, um ihn zu begrüßen. Später in der Stube hörten wir dann, was wir in diesem Jahr „verbrochen hatten“. Böses und Gutes. Was der Nikolaus alles wusste! Beinahe hätte ich mich verschrieben, denn das war nicht der Weih nachtsmann, sondern der Nikolaus, der Bote vom Himmel. In der Bibel steht, dass im Himmel all unsere Taten und unbedachten Worte aufgeschrieben werden. Deshalb weiß man dort, was man wusste und gab dem Nikolaus den Zettel mit. Er las die Untaten aus seinem großen Buch vor und bestrafte die Kinder. Früher mit der Rute und das tat schon sehr weh, aber dann gab es Geschenke, die er aus seinem großen Sack holte: das waren „Apfel, Nuss und Mandelkern, denn das essen kleine Kinder gern“. So heißt es in einem Weihnachtsgedicht. So etwas kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. In den siebziger Jahren kam der Weihnachtsmann aus der Coca-Cola-Werbung, (deshalb der rote Mantel), in die Zimmer und beschenkte die Kinder. Dieser Weihnachtsmann brachte Geschenke und hörte sich nur noch selten die guten und bösen Taten der Kinder an, denn und Reue und Vergebung waren aus der Weihnacht verschwunden.
Der Weihnachtsmann, ein himmlischer Bote, der die Geschenke bringt? Vor fünfzig Jahren fragte mein sehr spitzfindiger Bub: „Wer bringt die Geschenke? Das Christkind?“ Ich antwortete: „Ja. Gott beschenkt uns und der himmlische Bote bringt die Geschenke.“ Seine Antwort war verblüffend: „Woher weiß das Christkind, was ich das Jahr über getan habe?“ Ich versuchte eine Antwort, aber mein Sohn winkte ab: „Gib dir keine Mühe, Papa. Ich habe den Computer schon im Schaufenster gesehen? Das Christkind bringt die Geschenke? Ach was. Ihr kauft die Geschenke und legt sie unter den Weihnachtsbaum. Das wissen wir doch alle. Also gebt euch keine Mühe.“ Ich antwortete: „Erwischt! Ja, so ist es, aber weil wir euch liebhaben. Ihr seid doch auch ein Geschenk.“ Meine Kinder lachten. Aber ich sagte mutig: „Aber hin und wieder kein Gutes, das muss ich zugeben. Aber wir beschenken euch, weil wir euch liebhaben.“ Da sah ich eine Träne in den Augen meiner kleinsten Tochter. Statt einer Antwort drehte sie sich weg, damit ich ihre Tränen nicht sah. Das Gefühl der Weihnacht kam zwischen uns auf. Da bringt jemand unverdiente Geschenke. Der Nikolaus ist eine Traumgestalt – eigentlich im Auftrag Gottes. Aber wer will das heute noch hören? Die Kinder und wir, werden beschenkt – mit Gesundheit, Freude, Blumen und Bäumen.
Ich will nicht klagen, aber mahnen. Wie leicht vergessen wir das, wenn wir im Auto sitzen, wenn wir im überreichen Angebot etwas aussuchen dürfen, oder müssen. Vergessen wir die Geschenke nicht, denn wir werden in wenigen Jahren erfahren, was Not und Mangel sind. Das Gespräch miteinander wird dann wichtiger sein als Geschenke und Computer. Denn es ist auch ein Geschenk – und kein Kleines.
Ich bin 78 Jahre und damit sehr alt. Mir ist das Gespräch sehr wichtig. Um mich ist es einsam, aber ich sehe auch die anderen, wie einsam sie sind, trotz voller Taschen und Einkaufswagen. Sie stehen stumm in der Schlange hintereinander und reden kaum. Wenn ich in den Laden gehe, spreche ich oft: Ich begrüße Bekannte und wechsle ein paar Wort mit ihnen, denn man kauft ja schnell ein. Brauchen wir den Stress oder machen wir uns ihn selbst? Dann lasse ich Menschen an den Regalen vor. Hin und wieder bekomme ein „Danke“. Was für ein Geschenk. Sie glauben es nicht? Aber Sie werden eines Tages wissen, was ich meine… Dann stehen wir an der Kasse in langer Schlange. Wieder fällt kein Wort und die meisten sind stumm. Ich versuche das zu ändern und lasse andere vor. Natürlich merke ich, dass ich störe, aber trotzdem versuche ich es, auch wenn manche meinen: der hat doch Zeit, der ist doch Rentner.
Dann erinnre ich mich: Als kleiner Bub, noch nicht mal in der Schule, wurde ich einkaufen geschickt, mit Beutel und einem Einkaufszettel. Mutter hatte viel Stress, weil es noch keine Maschinen gab, die die Arbeiten erledigen: keine Waschmaschine, einen Kohleherd, Gemüse putzen und kochen. Viel Arbeit, aber auch Freude und Erfüllung. Ja, trotz des Stresses. Heute freue ich mich, wenn ich all die Arbeiten einmal tun darf. Nicht nur zum Zeitvertreib, sondern auch das Gefühl, etwas zu tun, der Kontakt mit dem Gemüse, der Duft, der Tastsinn wird beim Schälen gefordert. Wie schön! Heute ist ja alles fertig und da fehlt etwas! Auch die „sozialen Kontakte“, die so wichtig sind. Ich erinnere mich. Da stand an der Ladentheke ein Schild: Ganz frisches Gemüse! Natürlich kauften auch damals die Frauen ein und prüften mit den Händen die Frische des Gemüses. Sehr zum Ärger der Verkäufer! Wenn ich dann dran war, drängelten sich mühelos die Frauen vor mit den Worten: „Der Kleine hat doch Zeit.“ Sie wussten genau, dass meine Mutter viel Arbeit hatte und auf meinen Einkauf wartete. Ich reklamierte dann oft, aber ich hörte nur Gelächter. Trotzdem genoss ich den Geruch des Gemüses, den Duft des frisch gebackenen Brotes und ich hörte gerne zu, was die Frauen sich erzählten von Kriegserlebnissen, Vergewaltigung, tödlichen Schüssen und Wandern im Schneesturm auf der Flucht. Die Frauen sagten oft, der Kleine versteht doch nichts, aber der Kleine verstand sehr wohl und auch, warum die Frauen davon sprachen, um gemeinsam die furchtbaren Erinnerungen auszutauschen und zu verstehen, wie die anderen sich fühlten und was sie selber erleben mussten. Ich saß oft auf der Kellertreppe vor unserem Haus und verstand sehr wohl, was über die Straße von Fenster zu Fenster erzählt wurde. Ich verstand als kleiner Bub sehr wohl und fühlte nach: Die Ängs te, die Verzweiflung und den Hunger nach Frieden und Geborgenheit, denn meine Mutter fühlte das Gleiche, obwohl sie selten über ihren Hunger nach Kontakten sprach. Wir Kinder waren angeblich zu klein, um zu verstehen, aber wir fühlten trotzdem die Angst, die in vielen Menschen war. Wir Kinder verstanden sehr wohl, warum Mutter zusammenzuckte, wenn es irgendwo krachte oder gar knallte. Was erleben unsere Kinder vor dem Fernseher: Krieg und Mord. Soll das spurlos an Ihnen vorübergehen?
Ich muss zurück in den Alltag heute an der Kasse im großen Einkaufszentrum. Nur wenige erinnern sich an den Krieg. Alles ist solange her… Solange her? Ich höre die Klagen, ich sehe die Bilder von Zerstörung und sehe die klagenden Gesichter von Menschen – im Fernsehen. So weit weg? Aber ich weiß, wie schnell das wieder Realität sein wird.
Wie vor vielen Jahren lasse ich Frauen und Männer an der Kasse vor. Ich ernte dafür ein Lächeln und das ist mehr wert als die paar Minuten, die ich verliere. Natürlich habe ich es eigentlich auch eilig, aber so eilig? Nur um dann vor dem Fernseher zu sitzen und irgend etwas anzuschauen? Ich kenne noch die schmerzliche Realität meiner Kindheit. Es ist siebzig oder fünfzig Jahre her und das ist eine lange Zeit. Das Lächeln in den Gesichtern ist wertvoll. Hin wieder erzähle ich Geschichten oder gebe lustige Antworten und dann lacht die ganze Schlange. Was für ein befreiendes Lachen in den Gesichtern und auch bei mir, denn es tut gut – auch meinem Herzen. Warum reden wir kaum mit einer? Ja, es ist peinlich die Geschenke in einem anderen Einkaufswagen zu bewundern oder zu sagen: „Wo haben sie das gefunden? Das interessiert mich auch.“ Wer tut das schon, aber früher entwickelten sich so Gespräche miteinander. Tun sie das auch! Suchen sie Anknüpfpunkte für Gespräche! Das ist weniger peinlich, als sie glauben. Der ganze Laden hört mit und hin und wieder bekommt man eine Antwort, ein verlegenes Lächeln oder ein Lachen und eine Antwort. Ja das gibt es und das tut wohl.
„Draußen vom Walde komm ich her?“ Es gibt weder den Wald noch den Nikolaus. „Draußen vom Einkaufszentrum komm ich her und die Leute hasteten sehr und überall an den Kassen sah ich Leute bezahlen, welche die Karte in den Leser einstecken. Mir fehlt etwas auch das Klippern der Münzen in den Kassen!
Es ist so viel verloren gegangen. Trotzdem klingt die Weihnacht durch. „Draußen von der Stadt komme ich her, ich sage euch: Man drängelt sich in den Einkaufszentren dort und überall in den Regalen sah ich Verpackungen glitzern, sie lockten mich sehr.“ Man kauft ein, um Freude zu machen. Wem? Dem Ladenbesitzer, den ich kaum sehe, den Verkäufern, die die Regale füllen und selber viel Stress haben, den Kindern, die sich jeden Wunsch erfüllen wollen, und die sorgenvollen Gesichter, weil man doch nicht alles kaufen kann? Aber auch wie damals, die Armen, die verlegen die Münzen zählen, die sie im Geldbeutel haben. Ja, das gibt es auch heute noch und es werden immer mehr. Achten sie mal darauf, wenn sie Zeit haben sollten! Ja, es weihnachtet sehr, denn der aufblasbare Weih nachtsmann ist noch da. Die rote Gestalt aus der Werbung und die Rentiere vor dem Schlitten. Das ist heute Weihnachten mit Einkaufswagen und dickem Auto. Das ist nicht der Geruch nach Apfel, Nuss und Mandelkern… allenfalls nach Tüten in den Regalen.
Weihnachten ist anders als früher. Klagend? Nein, nur verwundert und vielleicht nur mit weniger Freude, weniger Lachen, trotz des Überflusses oder deshalb, aber trotzdem schön. Eines ist geblieben: Beschenken und beschenkt werden, sei es mit einem überreichen Einkaufswagen oder einem Lächeln.