Brunnen spielen auch heutzutage eine große Rolle. Früher waren sie die Wasserversorgung und die Frauen holten dort das Wasser für den täglichen Gebrauch. Meist waren sie auch Viehtränke, wie der abgebildete Brunnen Königsbach–Stein, meinem zweiten Wohnort bei Pforzheim.
Ich mag die Brunnen. Als Biologe interessieren mich vor allem auch die Wasserinsekten. Im Brunnen am Rathaus sah ich im Frühjahr jede Menge kleiner Tiere, die sehr an Bachflohkrebse erinnerten. Ich wunderte mich über die große Anzahl und das doch sehr isolierte Vorkommen. Plötzlich waren sie alle verschwunden und ich schaute in den Büchern nach. Die vermeintlichen Krebse waren Steinfliegenlarven und deshalb in die Luft verschwunden. Seitdem gehört aber ein Kontrollblick zu jedem Dorfrundgang einfach dazu.
Heute aber lernte ich mit Staunen, was alles in dem Brunnen zu sehen ist.
Unsere Wandergruppe trifft sich am Brunnen. Es sind ältere Frauen, in meinem Alter und älter, die sehr gerne und schnell wandern. Ich habe meine liebe Not, die rüstigen Damen zu begleiten, aber ich tue es gerne, auch wegen der interessanten Gespräche. Was man alles über das Dorf erfährt! Die meisten sind hier zur Schule gegangen und kennen noch die Dorfgeschichten. Natürlich gibt es auch Erzählungen von Dürren und Not, von Nixen, die den Brunnen bewachen und jeden Störer bestrafen. Die Brunnen sind wichtig und Verschmutzungen dürfen nicht sein. Da liegt es gar nicht fern, von Nixen und Wassergeistern zu sprechen.
Früher wurde das Wasser aus diesem Brunnen auch als Taufwasser geholt. Nur wer mit Brunnenwasser getauft war, der war ein echter Königsbacher. Ich konnte leider nur darauf hinweisen, dass mich mein Vater als Pfarrer selber getauft hat. »Aber sonst«, sagte ich, »bin ich mit allen Wassern gewaschen«. Man sah ihnen an, dass das nun wirklich keine Empfehlung sei.
Zwei Kinder kamen herbeigelaufen und guckten in den Brunnen. »Sie sind fort«, sagte das Mädchen enttäuscht. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass Goldfische darin gewesen waren. Wahrscheinlich hatte jemand Haustiere entsorgt, die über den Urlaub gefährdet waren.
»Bestimmt haben sie ein neues Zuhause gefunden«, tröstete ich und verbat mir Äußerungen über die Reiher, die überall sind. »Ganz bestimmt!«, sagte ich.
Zwei durstige Wanderer kamen vorbei und freuten sich über die mit Schild bescheinigte Trinkwasserqualität. Sie erzählten, dass in der Barockzeit Wasser aus dem Brunnen auf das Schloss gebracht wurde, damit sich die Freifrau die Augen damit wusch. »Es hat ihr sehr wohlgetan, bestätigen die Quellen.« Ich schluckte meine Bemerkung, dass ein Bad besser gewesen wäre, lieber hinunter.
Wir wollten gerade losgehen, als ein junges Paar kam, das Handy auspackte und sich intensiv mit dem Wasser im oberen Brunnentrog beschäftigte. Natürlich war ich wieder neugierig und fragte nach.
»Wir spielen mit dem Pokemoncatch«, erklärte der junge Mann. »Es wird weltweit gespielt und wir haben viele Kontakte und Freunde gefunden, die mitspielen.«
»Und?«, fragten wir wie aus einem Mund.
»Hier im Brunnen ist ein besonderer Punkt. Hier kann man Nr. 131 fangen.« In dem Moment hatte die junge Frau Erfolg und zeigte uns auf dem Display einen kleinen grünen Drachen. Schnell war er eingefangen in die virtuelle Dose. Die jungen Leute waren ganz glücklich.
»Ich kenne Pokemon«, sagte ich. »1998 war ich kurze Zeit Schulleiter in Schuttertal. Meine Grundschüler kannten alle 140 Pokemonfiguren mit Namen und Schreibweise, aber die deutsche Rechtschreibung machte ihnen Schwierigkeiten. Ich habe mir in den Pausen oft die Spielkarten angesehen.«
Man belächelte meine Erfahrungen nur ein wenig, denn natürlich ist alles lange digitalisiert.
Die jungen Leute zogen weiter, um noch mehr Figuren zu fangen. Ich kühlte meine Arme noch schnell im Wasser und wollte gerade einen Schluck trinken, da sagte eine der Frauen: »Das würde ich nicht tun. Ich habe mit dem Wasser meine Blumen gegossen und es ist ihnen gar nicht gut bekommen. Ich habe gleich geahnt, dass mit dem Wasser etwas nicht stimmt.«
»Also keine Taufe mehr mit Brunnenwasser?«, fragte ich lächelnd.
»Vielleicht besser nicht«, meinten alle. »Pokemon?« Das Wort klang ja auch tatsächlich wie ein Zauberspruch und wer weiß, ob das Wasser wirklich noch den Tieren und Blumen guttut, wenn ein virtueller Drache darin schwimmt. Irgendwie hatten es doch alle geahnt.