In Sachen Rezitations- und Dramatisierungskunst ist Ernst Pilick nicht nur in Zell a. H. seit Jahren eine Größe. Mit dem Prosatext »Ein Bericht für eine Akademie« von Franz Kafka eröffnete der hochbetagte Schauspieler am Freitagabend das Herbstprogramm des Zeller Kneippvereins.
Im schwarzen Gehrock, leicht gebeugt, mit wallendem Bart und dunkel geschminkten Augenringen deklamierte Pilick mit zirzensischer Disziplin und ebenso eckigen wie erstaunlich wendigen Bewegungen die Wortkaskaden des Kafkatextes, der auch unter dem Titel »Der Affe als Mensch – der Mensch ein Affe« bekannt ist. Das Publikum im Foyer des Storchenturms war begeistert.
Während sich Ernst Pilick mit etwas Schminke unmittelbar vor seinen Zuhörern in den »gewesenen Affen Rotpeter« verwandelte, skizzierte er kurz den Lebenslauf Franz Kafkas (1883 – 1924), der einer der bedeutendsten und zugleich rätselhaftesten Schriftsteller deutscher Zunge ist. Wie vieles in Kafkas Werk erscheint auch in der Erzählung »Ein Bericht für eine Akademie« das Geschehen auf den ersten Blick ungewöhnlich, ja absurd. Weiß man jedoch um Kafkas persönliche Tragik, das ihn zeitlebens beherrschende »Gefühl der Nichtigkeit und des Ausgeliefertseins«, wird auch der Text verständlicher.
»Hohe Herren von der Akademie! Sie erweisen mir die Ehre…einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen …«: Ernst Pilick begann mit klarer, zunächst verhaltener Stimme, in der ein melancholischer Unterton mitschwang, der unversehens scharf und aggressiv werden konnte und ebenso unvermittelt Zweifel und Trauer widerspiegelte. Der »gewesene Affe« mit dem seltsamen Namen Rotpeter berichtet von seiner »Menschwerdung«. Sie sei ihm der einzige Ausweg geblieben, damit er nach seiner Gefangennahme bei einer Expedition nicht habe sterben müssen. Mit übergroßer Anstrengung und unablässigem Lernen versucht er sich Zugang zur kultivierten Gesellschaft zu verschaffen, um ein besseres Leben führen zu können. Dabei verleugnet er seine Wurzeln und die ureigenen Bedürfnisse. Dennoch bleibt der Affe, was er war – durch sein Äußeres, den Pelz. Doch am Ende scheint er mit dem zufrieden, was er erreicht hat: Er feiert Erfolge im Varieté und lebt mit einer halbdressierten Schimpansin zusammen, bei der er es sich nachts »nach Affenart wohlergehen lässt«.
Ein zeitloser und hochaktueller Text
Höhepunkt von Pilicks geradezu charismatischer Präsenz war die Darstellung der zentralen »Alkoholepisode«: Wochenlang quälte sich Rotpeter damit, Schnaps aus der Flasche zu trinken, wie es ihm vorgemacht wurde. Als er es geschafft hatte, begann er zu sprechen: »Ich wiederhole es: es verlockte mich nicht, die Menschen nachzuahmen, ich ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen Grund«. Das Publikum verfolgte den staccatoartig vorgetragenen Monolog mit hellwacher, ungeteilter Aufmerksamkeit.
Über die Frage, was Kafka mit dem Text zeigen wollte, gibt es Abhandlungen, die ganze Bücherregale füllen. Immer wieder wird des Dichters persönliches Schicksal bemüht, der als Sohn einer jüdischen Familie in der damaligen Zeit einem hohen Anpassungsdruck ausgesetzt war. In puncto Integration und Assimilation sicherlich ein zeitloser und heutzutage hochaktueller Text. Ernst Pilicks Darbietung – Worttheater par excellence – führte es dem Publikum vor Augen.
Unter großem Beifall im Storchenturm-Foyer dankte Marianne Burger dem Schauspieler für den grandiosen Vortrag. Der hatte wohl gespürt, dass etliche Zuhörer an diesem Abend den »humorvollen« Rezitator vergangener Jahre vermissten. Spontan »versöhnte« Ernst Pilick sie augenzwinkernd mit dem satirischen Gedicht »Die Entwicklung der Menschheit«, in dem Erich Kästner anmerkt: Man habe zwar »den Fortschritt der Menschheit geschaffen«, aber im Grund sind sie »noch immer die alten Affen«.