Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, mir ist es wichtig zu einem erneuten Leserbrief, der heute veröffentlicht wurde und ebenfalls in dieser Ausgabe erscheint, direkt ein paar Zeilen zu schreiben. Normalerweise reagiere ich nicht oder nur ungern auf Leserbriefe. Mir ist jedoch das Thema, um das es hier geht, einfach zu wichtig.
Herausforderungen mutig angehen und sinnvolle Lösungen finden
Zunächst ist es positiv, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger an Veränderungsprozessen aktiv beteiligen. Wir – und da spreche ich sicherlich im Namen und im Interesse des Gemeinderates – sind für konstruktive Kritik immer offen. Deshalb haben wir auch viele Hinweise und Anregungen schon während der Testphase aufgegriffen und schnell umgesetzt. Diese Verkehrsregelungen im Zusammenhang mit der Sperrung der Kirchstraße sind bekanntlich bis Mitte November 2017 von der Straßenverkehrsbehörde auf Wunsch der Stadt angeordnet worden. Was danach kommen wird, ist völlig offen.
Die Ideen zu Veränderungen in der Kirchstraße resultieren u. a. aus Anregungen in der Bürgerversammlung 2016 und sind Teil eines Verkehrskonzeptes im Projekt Zell2030. Ergebnisoffen wollen wir die Argumente (PRO/KONTRA) in einer öffentlichen Veranstaltung vorstellen. Aufbereitet werden die vielen Rückmeldungen durch unser Verkehrsteam mit fachlicher Unterstützung durch einen Verkehrsplaner. Eine solche Veranstaltung können wir uns mit entsprechender Vorbereitung im Oktober/November gut vorstellen. Die Details und die Vorgehensweise müssen noch besprochen werden.
Viele wollen ein Verkehrskonzept. Viele wollen die Hauptstraße vom Verkehr entlasten. Nur wenige sind jedoch bereit, die veränderten Verkehrsströme zu akzeptieren, wenn im eigenen Um-feld zusätzlicher Verkehr die Folge ist.
Es muss erlaubt sein kritisch die Frage zu stellen, ob eine Unterschriftenaktion bzw. Leserbriefe oder anonyme Briefe im Ideenbriefkasten der alleinige Maßstab zur Bewertung eines gemeinwohlorientierten und zukunftsfähigen Verkehrskonzeptes für Zell am Harmersbach sein können. Zumal von den übergebenen 635 Unterschriften ca. 230 Unterschriften nicht von Bürgerinnen und Bürgern aus Zell geleistet wurden. Es darf spekuliert werden, ob es sich u. a. um Eltern handelt, die gerne ihre Kinder auf dem schnellsten Weg bis vor die Schule fahren möchten. In jedem Fall ist erkennbar, dass insbesondere diejenigen unterschrieben haben, die im unmittelbaren Einzugsbereich der Kirchstraße wohnen und gerne wieder durch die Kirchstraße fahren wollen. Aus vielen Gesprächen mit den Einzelhändlern und Anwohnern und aufgrund so mancher Rückmeldung – auch auf den Unterschriftenlisten – gibt es schon ein relativ eindeutiges Stimmungsbild: Die übergroße Mehrheit wünscht sich keinesfalls den alten Zustand der Kirchstraße wieder her!
Zurück zum erneuten Leserbrief. Ja, es wäre furchtbar, wenn durch einen Unfall irgendjemand zu Schaden kommen würde. Kein WENN und kein ABER. Sofort würde in einem solchen Fall die Suche nach den Schuldigen beginnen. Die wären natürlich leicht auszumachen. Frei nach dem Motto: »Ich habe es ja gleich gesagt«. Sind das wirklich gute Argumente? Dient eine solche Rhetorik wirklich der Sache? Wie gut, wenn die Mahner in einem solchen Fall darauf hinweisen können, dass der Unfall bei einer anderen Verkehrsführung hätte verhindert werden können. Ist das wirklich so? Vielleicht konnte durch die neue Verkehrsführung in den letzten Monaten sogar der ein oder andere Unfall, z. B. in der Kirchstraße, gerade verhindert werden? Wäre ein denkbarer Unfall an anderer Stelle möglicherweise auch passiert? Wäre ein möglicher Unfall überhaupt passiert?
Wäre, wäre Fahrradkette… oder wie hat sich ein ehemaliger Weltfußballer kürzlich ausgedrückt.
Wenn wir in Zell am Harmersbach wirklich ein neues Verkehrskonzept entwickeln wollen, müssen wir endlich aufhören, die Diskussionen in dieser Art und Weise zu führen. Eine Generalschelte auf die gewählten Vertreter, die nach bestem Wissen und Gewissen ihre Aufgaben im Interesse aller Bürgerinnen und Bürger wahrnehmen, ist dabei wenig hilfreich. Vielmehr müssen wir die Vor- und Nachteile sachlich bewerten und sinnvolle Lösungen umsetzen. Weil von einer kritischen Masse immer wieder die gleichen Verhaltensmuster an den Tag gelegt werden, hat Zell bisher kein sinnvolles Verkehrskonzept erstellen können. Ich erinnere dabei an einige Versuche in der Vergangenheit, die genau deshalb scheitern mussten. Wollen wir wieder scheitern? Wollen wir, dass möglicherweise eine Minderheit sinnvolle Lösungen blockiert?
Ich bin gespannt, ob wir den Mut und auch den Willen haben, in Zell am Harmersbach wirklich etwas zu verändern. Der Gemeinderat und ich haben den Mut jedenfalls aufgebracht und Ihre Forderungen, z. B. aus der Bürgerversammlung, aufgegriffen. Wenn wir jetzt nicht ehrlich diskutieren und Stück für Stück die Veränderungen angehen, wird ein neues Verkehrskonzept definitiv scheitern. Dabei wiederhole ich meinen Satz aus der Bürgerversammlung in 2016: »Letztlich muss die Mehrheit nach Abwägung aller Vor- und Nachteile eine andere Lösung wollen und nicht eine Minderheit eine Lösung verhindern«.
Dem Leserbriefschreiber sei noch gesagt, dass die Testphase in der Kirchstraße u. a. mit der Polizei und der Straßenverkehrsbehörde abgestimmt wurde und entsprechend ausgeschildert ist.
Bürgerfreundlichkeit wird von manchen leider so definiert, dass nur bürgerfreundlich ist, was den eigenen Vorstellungen entspricht. Selbstverständlich respektiere ich diese Auffassung, habe aber dazu eine andere Meinung.
Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam einen Weg finden werden, wie wir unsere Zukunftsfragen in Sachen Verkehr lösen wollen. »Nichts tun«, wäre die denkbar schlechteste Variante. Dann ändert sich nämlich nichts.
Schauen wir also nach vorne und nicht in die Vergangenheit. Mein Wunsch ist es, auf dem Weg zu einem neuen Verkehrskonzept möglichst viele mitzunehmen. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass wir über eine breite Bürgerbeteiligung nach der Fertigstellung eines Verkehrskonzeptes Mitte/Ende 2018 ernsthaft nachdenken müssen. Das »Pulver« sollten wir aber gezielt einsetzen, sonst geht es auch bei uns wie beim berühmten Hornberger Schießen aus. Das kann doch kaum einer ernsthaft wollen.
Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, es geht um unsere Zukunft und wie wir diese gemeinsam gestalten wollen. Dazu lade ich Sie alle ein.
Herzlichst, Ihr Günter Pfundstein, Bürgermeister