Mit »Zauber, Spuk und Phantasie« bestimmten die Mitglieder der Oberharmersbacher Bärenzunft im November 1990 das Motto für den künftigen Umzug am Fasentmontag. Letzteres brauchte man vor allem, denn der Golfkrieg im Januar 1991 führte damals zur Absage sämtlicher närrischen Veranstaltungen.
Die Fasent mit ihren Bällen und Umzügen sollte ausfallen? Schwer vorstellbar in den Nachkriegsjahren, zumal sich die »Spaßgesellschaft« an das Feiern gewöhnt hatte und sich durch nichts die Stimmung vermiesen lassen wollte. Doch heuer passiert das zum zweiten Mal. Nicht ein verheerender Krieg wie damals 1991, ausgelöst durch die irakische Besetzung Kuwaits und die Reaktion der von den USA angeführten Koalition, gefördert durch die Resolution des UN-Sicherheitsrates 678, ist jetzt der Grund, sondern ein unberechenbares Virus, das nicht auf fernen Schlachtfeldern, sondern in unmittelbarer Umgebung Krankheit und Tod verursacht.
Im Januar 1991 schien zunächst alles seinen gewohnt närrischen Gang zu gehen. Die Unterdorfer Narren beschritten am 7. Januar mit der offiziellen Gründung ihres Vereins neue Wege. Für Samstag, 12. Januar, hatte die Bärenzunft zu einem großen Hästrägertreffen in die Reichstalhalle eingeladen. 26 Zünfte aus der Umgebung traten als stimmungsgeladene Vorboten der anstehenden närrischen Tage auf.
Andere Akzente setzte die Pfarrgemeinde St. Gallus und lud am Sonntag, 13. Januar zum Friedensgebet wegen der drohenden Kriegsgefahr am Golf. Längst war klar, dass es zu einer militärischen Konfrontation kommen wird und die dadurch bedingte Absage der Fasentveranstaltungen in Deutschland wurde damit begründet, dass man nicht ausgelassen närrisch sein könne, während die hier stationären, verbündeten Soldaten im Krieg ihr Leben riskieren und möglicherweise fallen würden.
Operation »Wüstensturm«
Es kam, wie es kommen musste. In den Morgenstunden des 17. Januar 1991 meldeten Nachrichten die Störung des Funkverkehrs im Kriegsgebiet, die Operation »Wüstensturm« hatte begonnen. Der US-amerikanische Fernsehsender machte vom ersten Tag an den Krieg zu einem Medienspektakel ohnegleichen. Statt der Prunksitzungen des rheinischen Karnevals und Konfetti- und Bonbonregen während der Umzüge kam via Fernsehen in den folgenden Tagen der Krieg ins Wohnzimmer, mit fein säuberlich ausgewählten und zensierten Sequenzen und Bildern, um die Wirkung der Präzisionsbomben zu dokumentieren oder die Treffsicherheit der Fernlenkwaffen zu unterstreichen, exakt wie ein »chirurgischer Schnitt«.
Vielleicht war die Absage der Fasentveranstaltungen, auch durch massiven Druck der Politik, dem schlechten Gewissen geschuldet, weil die Soldaten der Bundeswehr nicht direkt zum Einsatz kamen und so zumindest ansatzweise Solidarität mit den verbündeten Alliierten bekundet werden sollte.
In den folgenden Jahren schien diese Absage eine einmalige Aktion gewesen zu sein, zumal sich keine Stimme erhob, als in den 1990-er Jahren der Krieg auf dem Balkan fiel näher gerückt war, mit denselben schrecklichen Folgen, die ein Krieg eben immer wieder zeigt.
»Krieg« gegen das Virus
2021 stehen die Zeichen anders. Die Folgen der Corona-Pandemie sind allenthalben zu spüren, in den Einschränkungen im Alltag und den täglichen Meldungen über Neuinfizierte und Todesfälle. Dieser »Krieg« gegen das Virus betrifft jeden, und die Folgen können jeden treffen: keine ferne Schlacht im Orient, die hin und wieder in den Nachrichten präsent ist, sondern ständiger Einsatz und Abwehr im Alltag.
Übrigens: Die Oberharmersbacher Bärenzunft machte aus der Not eine Tugend und feierte mit dem ausgefallenen Motto »Zauber, Spuk und Phantasie« ein Jahr später einen nicht minder gelungenen Umzug am Fasentmontag.